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27. November 2018

 

2017 hat er als Anfänger unseren Sport kennen und lieben gelernt, 2018 hat er die Austria Cup-Rangliste in der Kategorie H21 Lang gewonnen. Nikolaus Euler-Rolle ist quer eingestiegen, quer (an die Spitze gelaufen) und hat für die Jahresaugabe unserer Verbandszeitung "Orientierung" die rot-weiß-rote OL-Szene quer betrachtet. Hier seine Gedanken...

Als ich gefragt wurde meine Eindrücke der vergangenen OL-Saison aus der Sicht eines Quereinsteigers zu schildern, habe ich überlegt was ich einem „alten OL-Hasen“ erzählen würde, ohne nur Offensichtliches zu wiederholen. Denn dass OL ein toller und vielseitiger Sport ist, für den OLer – mittlerweile zähle auch ich mich zu dieser Gruppe – regelmäßig viele Kilometer Anreise quer durch Österreich auf sich nehmen, um von immer neuen Dickichten ausgebremst zu werden, wäre keine bahnbrechend neue Erkenntnis.

Leider hat es ziemlich genau drei Jahrzehnte gebraucht, bis ich Orientierungslauf für mich entdeckt habe. Wie es der Zufall wollte, hat mich einer meiner ausgedehnten Wienerwald-Sonntagsläufe mitten durch ein aktives Wettkampfgebiet des WOLV-Cups geführt. Das war im Frühjahr 2017. Noch am selben Tag habe ich mich zum USI Kurs der Familie Simkovics eingeschrieben, habe die Grundlagen gezeigt bekommen und bin seitdem bei etlichen Bewerben zwischen den Bergen Tirols und der Tiefebene Ostösterreichs dabei gewesen. Kein Lauf war wie der andere und müsste ich heute den schönsten nominieren, ich könnte mich zwischen den vielen unterschiedlichen Erlebnissen nicht entscheiden. War es die morgendliche Postensuche in den frisch verschneiten Fischauer Vorbergen bei minus 10 Grad? Der grüne, regennasse oberösterreichische Mischwald? Die kräfteraubenden Heidelbeeren der skandinavisch anmutenden Rücken des Jogllandes? Die Schafherde, deren dutzende Augen im Licht meiner Stirnlampe ähnlich ratlos zu mir blickten, wie ich auf die Karte?

So unterschiedlich jeder Lauf auch gewesen ist, so sehr erforderte jeder einzelne davon eine gleichermaßen große Portion Engagement und ehrenamtlichen Einsatz der jeweiligen Organisatoren. Wie aufwändig die Organisation der Bewerbe eigentlich wirklich ist, vom lokalen Training bis hin zu den Austria Cup Großveranstaltungen, ist mir erst im Lauf der Zeit so richtig bewusst geworden. Selbst bei kleinen Regionalevents werden mitten im Wald Ergebnismonitore betrieben, es wird Infrastruktur geschaffen wo für den Rest des Jahres Rehe grasen, es werden Resultate live im Internet veröffentlicht, Großeltern verteilen Selbstgebackenes im Ziel und vieles mehr. Meiner Meinung nach sind es gerade auch solche nicht selbstverständlichen Aufwände, die zu einer professionellen und gleichzeitig positiven Stimmung unter den OLern wesentlich beitragen.

Zwar wären wir wohl nicht in Österreich, wenn es nicht nach fast jedem Lauf auch Diskussionen über unvollständige Karten, eine uninteressante Bahnlegung oder sonstige Verfehlungen der Organisatoren gäbe. So wichtig konstruktive Kritik auch ist um dazuzulernen und besser zu werden, ich habe mir fest vorgenommen jenen Respekt, den ich vor dem allgegenwärtigen ehrenamtlichen Engagement ein attraktives und spannendes Angebot für alle zu schaffen gewonnen habe, nicht zu verlieren.

Denn was aus meiner persönlichen Sicht abseits der technischen und sportlichen Herausforderungen, die in der einen oder anderen Form sicherlich jeder Sport bietet, tatsächlich ein großes Alleinstellungsmerkmal des OL ist, sind die Menschen und die Gemeinschaft dahinter. Auch wenn jeder für sich selbst und seinen eigenen Verein an den Start geht, spätestens im Ziel stehen Sportler aus den unterschiedlichen Clubs zusammen um Zeiten zu verglichen, über die eigenen Fehler zu lachen oder über die Karte zu philosophieren. Man lernt Routenwahlalternativen kennen auf die man nicht im Entferntesten gekommen wäre, staunt wie schnell man gewisse Teilstrecken eigentlich absolvieren hätte können oder wundert sich, wieso niemand anderer an diesem Tag so lange im Grün steckengeblieben ist wie man selbst. Dass dabei kein Unterschied gemacht wird, für welchen Verein das Gegenüber startet; dass Neulinge gleichermaßen integriert werden wie der stärkste Konkurrent oder der beste Freund; dass ein x-facher Staatsmeister seine Tipps ohne Geringschätzung mit blutigen Anfängern teilt, sind nur einige Symptome jener Atmosphäre, die ich am OL besonders zu schätzen gelernt habe.

Die besten Tipps der Profis helfen leider wenig, wenn man sie nicht im Wald umzusetzen weiß, sobald man auf sich allein gestellt ist. Und selbst abgesehen von dieser ersten aber grundlegenden Erkenntnis, gab es einiges zu lernen für mich. Das begann mit der schmerzlichen Erfahrung, als ich bei meinem ersten OL mit kurzer Laufhose und profillosen Straßenlaufschuhen über steile laubbedeckte Hänge gerutscht bin und nähere Bekanntschaft mit Brombeeren und Brennesseln gemacht habe. Spätestens dann denkt man über eine OL-spezifische Ausrüstung nach, die zwar im Wesentlichen nur aus den passenden Schuhen und einer Hose besteht, aber nichtsdestotrotz getragen werden will.

Auch wenn es nicht in den Wald, sondern “nur” zu einem urbanen Sprint ging, durfte ich schon einige Erfahrungen machen, wie vielfältig man Zeit verlieren kann. Das beginnt zum Beispiel mit der Erkenntnis, dass ein Unterschied besteht ob man eine Karte in Theorie und Ruhe richtig lesen kann, oder ob man das auch noch im Sprinttempo beherrscht. So durfte ich zum Beispiel lernen, dass wildes Lossprinten von Posten 1 an eher zu sauerstoffbedingter völliger Desorientierung und minutenlangem Herumirren zum Ende des Rennens führt als zu einer guten Zeit. Eine gewisse Rennstrategie schadet also auf keinen Fall. Diese auf sich selbst, auf die Umgebungsbedingungen, den Wald, die Karte und viele andere Parameter abzustimmen, ist wohl einer der Schlüssel zum Erfolg.

Hat einer der Läufe nicht ganz so geklappt wie geplant, suche ich mir auf der Meldeplattform ANNE einfach den nächsten Lauf in der Nähe raus und starte mit einem neuen Versuch.

Nach allen Läufen, die ich bis jetzt als Teilnehmer besucht habe, freue ich mich darauf bei der Austria Cup Saisoneröffnung 2019 in Mannersdorf auch einmal organisatorisch mithelfen zu können. Was mich wiederum zur abschließenden Beobachtung führt, die ich spannend am OL finde. Das ist die Nähe von Leistungs- und Breitensport. Auf derselben Karte, mit denselben Posten laufen verschiedenste Alters- und Leistungsklassen. Man trifft den gemütlichen OL-Spaziergänger, der die Natur genießt, genauso wie den pfeilschnellen Kaderathleten, der für die nächste Selektion trainiert. Je nachdem wie motiviert man ist, kann man sich unter die eine oder andere Gruppe mischen. Dass sich dieser Spagat mit wenig Zusatzaufwand in einer Veranstaltung schlagen lässt, ist für alle Seiten eine attraktive Sache, die ich in dieser Form sonst in keiner Sportart kenne.              [Nikolaus Euler-Rolle]